Im Spinnennetz der Realität gefangen

Hallo du,

und plötzlich wurde mir klar, es ist vorbei. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen und es wird Zeit es zu akzeptieren. Ich muss etwas loslassen, was ich mit aller Gewalt erreichen wollte und dadurch gerade nicht bekam. Alles was ich versucht habe hat mich noch weiter von meinem Ziel weg und hin zur Behinderung gebracht. Und jetzt habe ich keine Kraft mehr. Ich schaffe das nicht mehr. DAS ist die einzige Wahrheit. serge-eva-schneewandern

Vor ein paar Tagen saß ich mit meinem Mann auf dem Sofa und wir unterhielten uns über uns und unsere Pläne. Es hat geschneit und er möchte mit unserer Tochter Skifahren gehen. Die Welt ist weiß und glitzert durch die Strahlen der Sonne die durch die Wolken blitzt. Es ist zwar klirrend kalt aber das hält sie nicht davon ab.

Jetzt steht mein Mann vor der Entscheidung ob er zukünftig eigene Skier haben möchte oder wie bisher sich welche vor Ort ausleiht. Schließlich meint er, dass er sich lieber ein Paar kaufen möchte. Das macht den Schritt zur Unternehmung leichter und ist nicht mit so vielen Umständen verbunden. Während wir über Vor- und Nachteile des Eigentums diskutierten, kamen wir auch auf mein altes Equipment zu sprechen. Und dann ist es passiert.

Da kullerten Tränen über meine Wange. Ich konnte sie nicht aufhalten. Denn mir ist unweigerlich etwas klar geworden.

Diese Skier werde ich in meinem Leben nicht mehr benutzen können!

Kurz nach der Geburt meiner ersten Tochter waren wir im Winterurlaub. Wir liehen uns damals Skier im Skigebiet aus. Ich fuhr mit meinen Brettern und Schuhen so gut wie noch nie und darum entschied ich mich kurzer Hand die ausgeliehenen Skier dem Skiverleih abzukaufen. Ich habe mich so gefreut. Endlich Skier mit denen ich einwandfrei zurecht kam. Das erste Mal in meinem Leben. Kurz davor hatten wir Skischuhe für mich gekauft. Welche, von denen ich schon immer geträumt habe. Ich bin noch von der Generation in denen es modern war, dass der Schuh so wenig wie möglich Schnallen hatte. Das bereitete mir aber immer Probleme. Der Schuh saß nie gut und hat mir das Skifahren erschwert. Kurz vor meiner Diagnose fand ich den Schuh, den ich schon immer gesucht habe. Ausreichend Schnallen um ihn individuell schließen zu können.

Noch wusste ich nicht, dass ich an diesem verschneiten Wintertag das erste und das letzte Mal auf den Brettern, die die Welt bedeuteten, stehen würde.

se-winterurlaub

Einen Tag fuhr ich als würde es nichts anderes geben. Wir hatten einen großen Spaß und die Bedingungen waren einfach perfekt. Guter Schuh, guter Ski, gute Piste und strahlend blauer Himmel. Was für ein Spaß.

Doch dann schlug die Falle zu.

MS – krank – Schub – nie mehr Ski fahren.

Das ist jetzt 12 Jahre her. So lange stand meine Lieblingsausrüstung im Keller und wartete geduldig auf meine Genesung. Leider vergebens. Es geht nicht mehr. Und gestern war der Tag der Selbsterkenntnis.

Ich sagte zu meinem Mann als wir über meine Ausrüstung sprachen: „Schatz, wenn wir ehrlich sind, werde ich nie wieder Ski fahren, nicht mit dieser und auch mit keiner anderen Ausrüstung. Ich kann froh sein, wenn ich überhaupt noch wenigstens im Schnee spazieren gehen kann. Doch Ski fahren – das ist vorbei. Selbst wenn eine Spontanheilung eintreten würde, müssen wir realistisch sein. Ab 40 geht es körperlich bergab. Egal wie aktiv man ist. Das ist ein Prozess, den man nicht verhindern kann. Vielleicht verlangsamen. Aber eben nicht verhindern.“

Kurze Pause – ich musste mir die Tränen wegwischen. Es ist doch ein großer Schritt so ein Selbsteingeständnis. Aber es macht keinen Sinn unerreichbaren Träumen hinterher zu humpeln.

Jetzt heißt es den Blickwinkel zu verändern. Auf das schauen was realistisch ist.

Alleine einkaufen gehen zum Beispiel das wäre schon ein Geschenk. In den Bergen spazieren gehen das ist auch eine wunderbare Beschäftigung und vielleicht ist das ja irgendwann wieder möglich.

Egal was es ist. Zu realisieren, dass etwas nicht mehr zurück kommt ist schmerzhaft. Und wehe dem, der behauptet, dass man positiv denken solle, dem zeige ich mein Vögelchen und lasse es zu ihm rüber fliegen. Denn es ist nicht immer so einfach wie gesagt wird. Alles ist ein Prozess. Und geht nicht so mir nichts dir nichts. Beim einen geht es schneller, bei mir dauert es länger.Schneeherz

Ein Prozess der Annahme.

Das macht man nicht einfach so locker vom Hocker. Da darf man auch mal traurig sein. Und einfach fühlen was man fühlt. Denn so läuft der Hase.

Erkennen, fühlen und annehmen. Und dann loslassen.

So was braucht Zeit, Geduld und Verständnis. Dann kann man liebevoll mit sich umgehen. Und irgendwann geht man gestärkt aus dieser Krise hervor. Ja, und ich stecke nun mitten in diesem Prozess. Ich glaube ich bin noch im „fühlen“. Ich muss mich auf mein neues Leben einstellen und irgendwann schaffe ich es, anzunehmen was ist. Hoffentlich gelingt mir das noch bevor ich tot bin.

Ich kann an meiner Außenwelt erkennen, dass ich die Behinderung noch nicht wirklich angenommen habe. Denn sonst würden sie das auch erkennen. Es gibt liebe Menschen, die auf mich zu kommen und mir ihre Unterstützung anbieten. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Sie warten nicht bis ich frage, sondern machen einfach. Ich kann gar nicht sagen was für eine Entlastung das ist nicht immer Bittstellerin sein zu müssen. Danke, den lieben Menschen, die sich jetzt hoffentlich angesprochen fühlen. Danke!

Und dann sind da noch die anderen. Die mich immer wieder wie eine „normale“ behandeln und Erwartungen an mich stellen, denen ich nicht gerecht werden kann. Ich mache ihnen keine Vorwürfe, denn auch das hat mit mir selbst zu tun. Es ist das Zeichen, dass ich selbst die Wahrheit noch nicht vollkommen angenommen habe. Wenn ich zuschaue, wie andere schuften, den Tisch abräumen, für mich putzen usw, dann bekomme ich Schuldgefühle. Ist das nicht absurd? Denn als ich gestern auf meinen Schwerbehindertenausweis geschaut habe las ich:

B    G    aG    GdB 80

Was das wohl heißen soll?

B wie blond?

G wie gesund?

aG wie auch gutaussehend?

GdB 80 wie gerade die Blondine mit 80 kmh überholt wird?

Behindertenparkplatz

 

Oder heißen diese Kürzel etwas ganz anderes?

Hier für alle zum mitschreiben:

B wie BEGLEITPERSON
(Berechtigt zur Mitnahme einer Begleitperson)

G wie GEHBEHINDERT
(Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich eingeschränkt)

aG wie AUßERGEWÖHNLICH GEHBEHINDERT

GdB 80 wie GRAD DER BEHINDERUNG 80

Noch Fragen?

Und ich setze mich unter Druck und erwarte dass ich es wie andere Menschen schaffe? Nein, nein. Ich muss nirgendwo den Tisch abdecken oder Schuldgefühle bekommen, wenn ich nicht mithelfe. Sollte das jemand von mir erwarten, und mir nicht glauben, dass ich es einfach nicht kann, dann zeige ich ihm meinen Schwerbehindertenausweis. Nicht dass er oder sie denkt ich sei faul oder bequem.

ICH KANN ES WIRKLICH NICHT!
(oder nur mit erheblichem Kraftaufwand)

Und sollte von mir irgendwann noch einmal irgendjemand die gleiche Leistung erwarten wie von meiner Schwester, dann zeige ich ihm obendrein noch meine Rentenbescheinigung. Und dann ist aber Ruhe im Karton.

Wenn ich über diese Erfahrung nachdenke und berücksichtige, dass doch alles im Außen mit dem eigenen Innen zu tun hat, kann ich feststellen, dass ich selbst noch nicht angenommen habe dass ich eben nicht mehr so kann wie ich es gerne möchte. Habe ich das dann geschafft, wird mir vielleicht auch niemand mehr begegnen der mich für meine „Faulheit“ kritisiert. Denn dann wird auch er oder sie begreifen, dass ich zwar jung aber behindert bin. Und deswegen andere Erwartungen an mich gestellt werden müssen als an meine gesunden Mitmenschen.IMG_7768

Ich wünsche dir für das neue Jahr, ganz viel Selbstliebe, Verständnis für alles was du nicht so kannst auch wenn du möchtest. Ob gesund oder krank, irgendetwas gibt es doch immer dem man hinterher hängt, oder?

Und dann schau durch den Fensterspalt und entdecke das Glitzern des Schnees, das ist so schön und besonders und es sehen zu können ist ein Geschenk.

In diesem Sinne lass dich herzlich umarmen.

Deine Schmetterlingsdompteurin

Eva

 

 

 

By | 2017-03-08T22:34:48+00:00 Januar 10th, 2017|Meine Geschichten|1 Kommentar

Ein Kommentar

  1. Caroline Régnard-Mayer 11. Januar 2017 um 11:04 Uhr- Antworten

    Liebe Eva,
    ich habe nicht zu Ende lesen können. Mein Hals, ein Kloß und Tränen in den Augen… ich hatte das selbe Erlebnis wie du mit den Skiern… ich musste mich verabschieden, mir eingestehen, dass es nicht mehr ging – loslassen. Noch heute nach Jahren könnte ich heulen, denn es zeigt mir wie die MS voran geschritten ist und zeigt mir eindeutig meine Grenzen. :/

    Eine liebe Umarmung, Caro <3

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