Und weiter geht´s im Sauseschritt…

Hallo Du,

…im Sauseschritt, na ja, zumindest heißt so ein Kinderlied das ich mit meinen Krabbelmäusen früher gerne gesungen hatte. Bei mir handelt es sich eher um den Schneckenschritt. Und von Schritt kann da ja wohl keine Rede sein.

Gerade komme ich von meinem offiziell letzten Orthopäden Besuch, zumindest was die linke Schulter betrifft. Ich bin austherapiert. Der Termin war ratz fatz erledigt und ich muss dir unbedingt erzählen welcher Dialog sich im Behandlungszimmer abgespielt hat. Papa, aufgepasst, es ist wirklich wahr was ich jetzt schreibe. Im Folgenden sind mit „Er“ der Arzt und mit „Ich“ ich gemeint:

Er:  „Da kann mann echt nichts sagen. Wie haben Sie das so gut
hinbekommen? Sie sind eine vorbildliche Patientin. Und dann
haben Sie auch noch immer ein freundliches Lächeln im Gesicht.
Zur Schulter gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Da sind wir
wohl fertig. Super gemacht. Solche Patienten wünsche ich mir.“

Ich: „Darf ich dann auch wieder bügeln? Da wird mein Mann sich aber
freuen.“

Er: „Ja, aber wer bügelt schon gerne!“

Ich: „Wenn man mal zu einer Zwangspause gezwungen wurde, macht sogar so etwas wieder Spaß.“

Meine Schulter wurde offiziell zu allen Schandtaten freigegeben. Hurra!

Zum Abschied durfte ich mir dann noch etwas aus der Kruschtelkiste für nette Patienten aussuchen. Ich habe mich für 2 mal wöchentlich Physiotherapie entschieden. Das kann man immer gut gebrauchen. Er wünschte mir nun noch alles Gute und entließ mich in die orthopädische Freiheit.

Meine Freundin, die mich Morgens netterweise zum Arzt gefahren hatte, konnte leider den Rückweg nicht mit mir gemeinsam bestreiten. Also blieb mir nichts anderes übrig als den Bus zu nehmen. Das habe ich mich seit dem Unfall nicht mehr getraut. Ein bisschen aufgeregt stellte ich mich unter das Dach des Wartehäuschen, denn just in diesem Moment begann es eisig kalt zu regnen. Als der Bus nach 10 Minuten Wartezeit, die ich neben schnäuzenden und hustenden Fahrgästen verbringen durfte, eintraf, sank die Ladefläche sanft nach unten und der Einstieg war ein Kinderspiel. Schnell noch den Rollator auf der freien Fläche für Sperrgepäck geparkt, Handbremsen angezogen und ein lauschiges Plätzchen für meinen Hintern gesucht. Geschafft. Was für ein Glück, dass ich gerade gestern meine Wertmarke für das kostenlose Nutzen des öffentlichen Nahverkehrs vom Versorgungsamt zugeschickt bekommen hatte. Dank meines Schwerbehindertenausweises darf ich jetzt für sage und schreibe 76€ im Jahr kostenlos durch die Gegend tuckern. Folglich musste ich heute keine Fahrkarte stempeln, was das Betreten des Busses deutlich vereinfachte, da ich mich unmittelbar nach dem Einsteigen und Parken des Rollis hinsetzen konnte.

Wertmarke

Aber was war das? Ich hatte so ein komisches Gefühl! Als würde ich etwas Verbotenes tun. Es erinnerte mich an eine Geschichte aus meiner Jungend, zu der Zeit als ich noch Fahrkarten kaufen und abstempeln musste. Und ich habe wirklich immer bezahlt. Außer einmal, als ich total verknallt war und morgens nach einer Nacht bei meiner ersten großen Liebe den Heimweg antreten wollte. Ich hatte zwar die Fahrkarte in meiner Tasche, doch total verschlafen sie abzustempeln, also die Karte. Als ein freundlicher Kontrolleur den Bus betrat, fiel mir sofort ein, was ich vergessen hatte. Erwischt beim Fahren ohne gültigen Fahrausweis. Damals kostete das Bußgeld 30 DM! Und das auch noch 3 Tage bevor ich meinen Führerschein gemacht hatte. Das war wirklich meine erste und letzte Erfahrung als Schwarzfahrerin, weil so was tut man ja nicht. Und wenn doch, würde ich das schlechte Gewissen nicht aushalten. Und genau heute hatte ich dieses Gefühl wieder. So als ob ich etwas Verbotenes tun würde. Ich bin doch gar nicht unberechtigt gefahren! Ist schon komisch. Mein Über-Ich ist einfach ziemlich gut ausgeprägt und sorgt dafür, dass alles was ich tue immer Recht und Ordnung beachtet. Jetzt aber zurück zu meiner heutigen Heimreise. Als der Bus endlich an meiner Haltestelle angekommen war, musste ich wieder aussteigen. Der Regen hatte inzwischen ein bisschen nachgelassen. Aber er hat mir auch vorhin schon nichts ausgemacht. Pfifft, senkte sich wieder die rechte Seite des Busses und erleichterte mir das Aussteigen. Ein tolles Fahrwerk hat so ein Bus! Draußen angekommen zog ich mir Mütze und Handschuhe an und während die anderen Fahrgäste wahrscheinlich schon längst zu Hause am Tisch saßen und gemeinsam Tee tranken, schlürfte ich wohlgemut und durch das nette Kompliment gestärkt den mit Rollsplitt übersäten Gehweg entlang. Für einen Durchschnittsfußgänger in 5 Minuten zu schaffen. Für jemanden wie mich Zeit genug sich ein kleines Geschichten auszudenken:

Schnecke

Die Schnecke

Mit MS fühle ich mich wie eine Schnecke.
Ich krieche genauso langsam wie sie und kommt jemand an mir vorbei, erschrecke ich mich und würde mich am liebsten in mein Häuschen verkriechen.

Doch auch eine Schnecke kommt irgendwann an ihr Ziel. Ich habe mich ausgezogen und mich gleich hingesetzt um dir diese Zeilen zu schreiben. Doch jetzt knurrt mein Magen, er will wohl ein Wörtchen mitreden. Da er außer diesen lauten Geräuschen auch noch so ein unbehagliches Gefühl mitgeliefert hat, will ich ihm wohl zuhören und auf seine Wünsche eingehen.

Guten Appetit.

Ich wünsche dir einen gemächlichen Tag, es ist gar nicht so schlecht, wenn man das Leben manchmal etwas langsamer angehen lässt. Dann entdeckt man eine ganze Menge, was sonst an einem vorbeiziehen würde.

Herzliche Grüße
Die Schmetterlingsdompteurin

Eva

 

By | 2017-03-08T22:34:50+00:00 Januar 14th, 2015|Meine Geschichten|1 Kommentar

Ein Kommentar

  1. Monika Stender 15. Januar 2015 um 22:05 Uhr- Antworten

    Hallo Rocklady, vielen Dank für einen super Silvesterabend! Hab selten so viel gelacht und vor allem gesungen (nicht schön aber dafür LAUT). Hoffentlich hast du schon ein Chor für dich gefunden. Du hast doch Lust dazu und die Stimme auch – also los worauf wartest du noch, hast doch jetzt wieder Zeit nachdem deine Schulter wieder OK ist.
    Ich werde dafür sorgen, dass dein Buch bald im Ausland (also nicht nur ausserhalb von Bayern:-) sondern in Norwegen in der DSO Bücherrei stehen wird – hört sich doch gut an oder?
    Alles liebe von mir
    (und ach übrings wir haben 80cm Schnee -yeah!) Meinem Kopf geht es auch langsam besser – so ganz wird er ja eh nicht, war er vor dem Sturz ja auch nicht :0
    LG
    Monika aus Oslo

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