Lauter rote Ampeln!

Hallo du,

und wieder ist es an der Zeit dir ein kleines bisschen aus meinem Leben zu erzählen. Donnerstag war gestern. Ein Tag, der eine halbe Stunde zu früh begann. Denn wie es auch kam, wachte ich genau dreißig Minuten vor dem Klingeln meines Weckers auf. Das ist sehr ungünstig. Denn der Wecker klingelt sowieso schon viel zu früh am Morgen. Und wer mag schon freiwillig noch früher aufstehen? Deswegen habe ich mich für liegen bleiben entschieden. Doch das ist vertrödelte Zeit gewesen. Alle fünf Minuten warf ich einen Blick auf die Uhr um ja nicht zu verpassen, wenn der Wecker klingelt. Als hätte er dafür nicht andere Tricks auf Lager.

Klingelingeling!

 Wecker

So macht mein Wecker das also. Er klingelt! Toll, ich darf jetzt aufstehen. Doch jetzt bin ich müde und möchte gerne weiter schlafen. Ich habe keine andere Wahl. Hier schlafen noch drei die gleich aufwachen und einen mächtigen Hunger haben werden. Und da ist es besser, wenn ich dem Ganzen vorbeuge und das Frühstück vorbereite. Nebenbei kochte ich noch einen Tee für mich und einen Tee für meinen Mann und einen Tee für meine Tochter, den sie mit in die Schule nehmen möchte. Ja, jedem das Seine!

Nachdem meine Familie aus dem Haus geflogen war und ich meine morgendliche Körperpflege hinter mich gebracht hatte, spielte ich noch ein paar Takte auf dem Klavier. Vor ein paar Wochen habe ich angefangen mir das selber beizubringen. Jeden Morgen nach dem Duschen ein bisschen üben. Ich kann schon vier Lieder spielen. Danach musste ich mich anziehen, denn eine Freundin holte mich mit ihrem Auto ab. Nein, ich hatte nicht nackt Klavier gespielt. Ich meine die Jacke, die ich anziehen musste. Meine Freundin stand mir in letzter Zeit immer wieder unterstützend zur Seite. Darüber bin ich sehr froh und dankbar. Entweder nahm sie mich mit ins Schwimmbad, brachte mich zum Arzt oder half mir beim Einkauf. Als sie da war, stieg ich in ihr Auto. Sie verstaute noch schnell den Rollator im Kofferraum. Da ist Maßarbeit gefragt, er passt wirklich genau auf den Millimeter hinein. Die Fahrt führte uns zur Bücherei die dem Gebäude in dem die Physiotherapie immer stattfindet gegenüberliegt. Das war praktisch. Bevor ich an die Arbeit ging, wollte ich noch die bereits gelesene Lektüre meiner Kinder abgeben und vielleicht nach diesem oder jenem für mich selbst stöbern. Und anschließend mache ich mich auf den Weg zur Krankengymnastik. Ja, so war das geplant. Der Parkplatz auf dem wir hielten war ungewöhnlich leer. Doch darüber wunderten wir uns nicht. Auch nicht darüber, dass in der Bücherei noch nicht wirklich viel Licht brannte. Wir liefen gemeinsam zur Eingangstür die normalerweise automatisch öffnete. Ein Schritt nach vorne und, Achtung! Beinahe wärst du gegen die Scheibe gelaufen. Die Türe war nämlich verschlossen geblieben. Wir schauten uns beide an und versicherten uns, dass gestern nicht Mittwoch war. Denn mittwochs hat sie grundsätzlich nur nachmittags geöffnet. Und das wiederum hatten wir beide uns aus Erfahrung gemerkt. Nein, gestern war Donnerstag. Auf der Öffnungszeitentafel lasen wir schließlich, dass donnerstags  die Tore erst um zehn Uhr geöffnet werden. Na, dann werde ich eben nach meiner Therapie noch einmal hierher spazieren. Kein Problem. Ich verabschiedete mich von meiner freundlichen Taxifahrerin und lief zur Straßenkreuzung. Zwei Straßen musste ich überqueren. An der ersten zeigte die Ampel gerade auf grün als ich dort ankam. Prima! Ich machte mich auf den Weg und zog es vor auf der Spur für Radfahrer zu laufen. Dort gab es nämlich keine Stufen, nicht in der Mitte auf der Verkehrsinsel und nicht auf der anderen Seite am Gehweg. Ist einfacher mit dem Rollator. Drüben angekommen jubilierte ich innerlich kurz, denn ich hatte es tatsächlich geschafft in einer einzigen Grünphase diese Straße zu passieren. Doch jetzt kommt der Haken an der Sache. Während die anderen Fußgänger schon kaum mehr zu sehen waren, kam ich bei der nächsten Straße an. Die Ampel zeigte gerade noch auf grün, doch als ich den Bordstein erreichte, sprang sie auf rot und ich zog es doch lieber vor auf die nächste grüne Phase zu warten

Stopp!

(dieses Bild kennst du vielleicht aus einem anderen Beitrag schon, aber ich finde es passt hier prima hin!)

Es war ein bisschen kalt und dann auch das noch. Ich musste dringend meinen Tee wieder loswerden, den ich heute Morgen getrunken hatte. Als die Ampel schließlich wieder auf Grün sprang, marschierte ich an den wartenden Autos vorbei. Jetzt waren es nur noch ein paar Schritte bis ich den Eingang der Praxis erreicht hatte. Ein freundlicher Handwerker hielt mir zum Glück die Tür auf. Es ist nicht leicht mit einem Rollator in der Hand schwere Eingangstüren zu öffnen. Ich nahm den Fahrstuhl in den zweiten Stock. Hier ist die Physiotherapiepraxis vor ein paar Tagen hingezogen und eröffnet worden. Als ich eingetreten war, entschuldigte ich mich, dass ich etwas früh dran bin. Ich wollte eigentlich vorher zur Bücherei doch die hatte noch nicht geöffnet. Ich zog meine Jacke aus und setzte mich in den Wartebereich. Vorsorglich nahm ich mir noch eine Zeitschrift aus dem Ständer, weil ich der Meinung war, dass ich noch genügend Zeit zum lesen hatte. Ein Blick auf die Uhr meines Handys lies mich etwas erschrecken, denn ich bemerkte, dass es gar keinen Grund zum Entschuldigen gab. Ich war gar nicht zu früh. Es waren vielleicht noch fünf Minuten bis zu meinem Behandlungstermin. Was eine normale Zeit ist, die man vor einem Termin erscheint. Das wird die Ampelphase gewesen sein, die ich extra abwarten musste. Na ja und vielleicht meine langsamen Schritte. Egal, erst mal schnell ausgezogen und in die Pippi-Lounge gehüpft. Du weißt ja, der Tee. Geschafft. Jetzt kann die Behandlung beginnen. Mein Therapeut versuchte erst die Verkrampfungen in meinen Beinen ein wenig zu lösen. Er wendete eine spezielle Massagetechnik an. Plötzlich landete seine Hand auf der Innenseite meines Oberschenkels. Nein, nicht was du denkst. Er musste dort einen Punkt massieren um die Verspannungen zu lösen. Wenn er dort drückte, spürte ich das tatsächlich bis in meinen großen Zeh. Das tat er eine Weile, doch ich war froh als er fertig war. Nicht nur, weil es nicht besonders angenehm war, sondern weil es wirklich sehr nah an meinem Intimbereich war. Dann gingen wir zum aktiven Teil über. Er arbeitete mit mir daran mein Gleichgewicht zu aktivieren. Außerdem möchte er meinem Körper zeigen wie er richtig einen Fuß vor den anderen setzen kann. Ich lerne sozusagen das Laufen von der Pike auf neu! Nach anfänglichen Schwierigkeiten ging es zusehends immer besser. Doch irgendwann ging mir die Puste aus. Was für ein Glück, dass die Zeit schon rum war. Jetzt folgt der etwas entspanntere Teil. Ich durfte mich wieder auf die Liege und meinen Arm in seinen legen damit er meine Schulter sanft massieren konnte. Herrlich. Und anschließend legte er mir zur Entspannung der Muskulatur ein Wärmekissen auf den Arm. Er stellte einen Wecker, damit ich nicht verschlafe und so konnte ich mich ganz gemütlich von den Anstrengungen erholen während ich verträumt aus dem Fenster schaute.

Biepbiepbiepbiepbiep!

Wie du siehst handelte es sich hier um ein anderes Weckermodell als bei mir zu Hause!

Als ich nun fertig erholt war, zog ich mich an und machte mich auf den Weg zurück über die Straßenkreuzung zur Bücherei. Der eine Bus war gerade weggefahren und so konnte ich mir bis der nächste kam beim Bücher stöbern Zeit lassen. Zuerst brachte ich die Bücher meiner Kinder zurück. Dann stöberte ich durch die CD´s vorbei an den Kinderbüchern. Dort entdeckte ich eins, das möglicherweise meiner Tochter gefallen könnte. Das ist doch prima. Eigentlich wollte ich jetzt gehen, damit ich den nächsten Bus noch erwische. Doch irgendetwas zog mich noch an die Regale in denen DVDs standen. Kennst du das, wenn du dich von deinem Bauchgefühl leiten lässt? Vor ein paar Tagen sah ich einen Trailer von einem Film, den ich unbedingt anschauen wollte. Ich steuerte automatisiert die Komödien an und klapp, klapp, klapperte mich durch. Und da hatte ich ihn auch schon in meiner Hand. Wahnsinn! Genau, den wollte ich sehen. „Das Beste kommt zum Schluss“. Dann steht einem gemütlichen DVD Abend am Wochenende wohl nichts mehr im Wege. So, schnell die paar Sachen ausgeliehen und noch eine Zeitschrift geschnappt und dann nix wie zur Bushaltestelle. Draußen angekommen musste ich nun wieder die Straße überqueren. Natürlich nachdem ich die gerade eingesetzte Rotphase abwartete. Drüben angekommen stellte ich fest, dass ich auch diesen Bus gerade verpasst hatte. Und da er nur im zwanzig Minuten Takt fährt, setzte ich mich noch einen Augenblick ins Wartehäuschen. Ich blätterte in der Zeitschrift, die ich mir in der Bücherei mitgenommen hatte, als mich ein älterer Herr mit Stock und Silberblick von der Seite ansprach. Er zeigte mit seinem Stock auf meinen Rollator und fragte mich ob es ihm denn kalt wäre, oder warum ich ihm Wollschals angezogen hätte?

Wollschals

Ich antwortete, dass mir das Ding zu langweilig aussah und ich ihm ein bisschen Farbe verleihen wollte. Er sagte nur, dass es auf jeden Fall dazu dient ihn wiederzuerkennen. Seine Frau hätte auch so einen Roll……. und schwupps war ein Gespräch über welcher ist der beste Leichtmetall Rollator hin oder her und wie viel kostet es seinen Namen eingravieren zu lassen im Gange. Leider kam dann schon der Bus, sonst hätte ich vielleicht noch erfahren wie seine Frau heißt. Wir stiegen beide ein. Allen voran mein Rollator. Ich habe ihn geparkt und mir dann selbst einen Platz gesucht. Ein junger Busfahrer saß am Steuer. Er öffnete an jeder Haltestelle die vordere Tür, obwohl dort eigentlich nie jemand ein- oder aussteigen wollte. Ist ja egal, vielleicht hat er es so gelernt oder er brauchte einfach nur frische Luft? Er trug einen Ehering, was darauf deuten ließ, dass er verheiratet ist. Vielleicht hat er sogar Kinder? Und ich stellte mir augenblicklich die Frage, wie viel so ein Busfahrer überhaupt verdient und ob ein Busfahrergehalt ausreicht um eine Familie zu ernähren. In München! Meine Gedanken wurden von der freundlichen Stimme, die meine Haltestelle ankündigte unterbrochen. Ich stand auf und brachte mich und den Rollator in Position zum Aussteigen. Pffffft machte es und der Bus senkte sich ab. Doch diesmal war mein Geh Ding etwas schwer beladen und ich hatte Mühe es auf den Gehweg zu heben. Nachdem ich es geschafft hatte, stand mir die nächste Herausforderung bevor. Hast du mitgezählt wie oft ich heute über die Straße gehen musste? Das ist die sechste und vorletzte für heute. Leider gab es hier keine Ampel. Auch wenn es frustrierend ist die grüne Phase nicht zu schaffen, weiß man dennoch, dass nach rot irgendwann wieder grün folgt. Hier war das anders. Viele Autos fuhren an mir vorbei. Eins, zwei, drei und immer mehr. Es schien kein Ende zu nehmen. Zwischendrin gab es zwar die ein oder andere kleine Lücke. Doch war sie für mich zu klein, als dass ich mich über die Straße getraut hätte. Also warten, irgendwann wird es schon gehen. Brrrr, mir war kalt. Na endlich, jetzt war die Straße frei und ich konnte hinüber gehen. Schon ein bisschen müde von den Anstrengungen schlürfte ich Schritt für Schritt nach Hause. Dort angekommen öffnete ich den Briefkasten und nahm die Post heraus. Und vor der Tür hat der Paketbote mir einen Karton hingestellt. Mit Schuhen. Oh, wie schön. Die muss ich dann später anprobieren, wenn ich mich von der Heimreise ausgeruht habe. Aber jetzt habe ich Hunger!

Schuhe

„Und das Beste kommt zum Schluss“: Als ich Abends meine Tochter ins Bett bringen wollte, schlug ich ihr vor, ein bisschen zu lesen bevor sie schläft. Sie wollte nicht selber lesen, sondern von mir vorgelesen bekommen. Da ich aber sehr erschöpft war, sagte ich ihr, dass sie heute Abend ausnahmsweise mal selber lesen könne. Ich bin dann runter gegangen und mit einem Mal hörte ich ein lautes Schreien, etwas Geklapper und dann wurde es ruhig. Ich habe ein Weilchen gewartet bis ich schließlich hoch gegangen bin um zu sehen, was da oben vor sich geht. Und du glaubst es nicht. Im Kinderzimmer meiner Tochter lagen sämtliche Klamotten aus ihrem Schrank. Ihr Bett war leer und als ich mich umsah, entdeckte ich sie samt Decke in ihrem Kleiderschrank. Sie sagte zu mir: „Ich schlafe heute in meinem Schrank!“ Das war zu süß. Natürlich konnte ich sie dann doch davon überzeugen, dass ein Bett deutlich bequemer ist und kuschelte mich nachdem ich sie zugedeckt hatte zu ihr und begann zu singen. So wie jeden Abend ….

https://www.youtube.com/watch?v=2u-OLIpaE6k

Ja, so kann ein Tag im Leben einer Schmetterlingsdompteurin aussehen. Ein Besuch beim Physiotherapeuten ist eine große Herausforderung und gleichzeitig eine Tagesaufgabe. Doch bei allen Anstrengungen darf ich nicht vergessen: Ich bin auf eigenen Beinen und mit eigener Kraft wieder zu Hause angekommen. Das ist worauf es ankommt. Und gleich muss ich noch runter in den Keller gehen. Ich habe meinem Mann versprochen seine Hemden zu bügeln.

Ich wünsche dir heute viele grüne Ampeln und dass du dich an den kleinen Dingen erfreuen kannst. Sie sind etwas Besonderes.

Herzliche Grüße
Die Schmetterlingsdompteurin

Eva

By | 2017-03-08T22:34:50+00:00 Januar 23rd, 2015|Meine Geschichten|0 Kommentare

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