Erstverschlimmerung

Hallo Du,

vielen Dank für deine aufmunternden Worte oder Gedanken. Die Tatsache, dass ich jetzt einen Schwerbehindertenausweis bei mir trage, ist eben nur als Tatsache anzusehen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Lustiger weise löste sie bei mir wie nach der Einnahme von homöopathischen Globuli eine Erstverschlimmerung aus. Am Tag nach der Ankunft der frohen Botschaft haben sich meine Füße immer dünner und wackeliger angefühlt. Du kannst dir das so wie bei einem Weihnachtsbaum vorstellen, bei dem der Stamm so zurecht gestutzt wird, dass er in den Christbaumständer passt. Und wenn er feierlich aufgestellt werden soll, weigert er sich gerade zu stehen, weil er in diesem keinen Halt finden kann. Ja so ungefähr. Es war eben so ein Gefühl, weil ich einfach urplötzlich schnell das Gleichgewicht verlor.

Christbaumkugel

Was oder wer wirft mich jetzt herrschaftszeitennocheinmal schon wieder um? Soll sofort aufhören damit, der unverschämte Lümmel. Die Antwort liegt doch auf der Hand. Ich selbst bin dafür verantwortlich. Das heißt meine Gedanken. Ich habe mich mit der Frage beschäftigt beim Versorgungsamt Widerspruch einzulegen, da ich im Moment eigentlich die Kriterien für das Merkzeichen aG (außergewöhnlich Gehbehindert) erfüllen würde. Das hätte den Vorteil, dass ich eine Parkerleichterung beantragen dürfte und somit die Erlaubnis bekommen würde auf Behindertenparkplätzen zu stehen. Das kann ich doch auch ohne diese Erlaubnis, hab ich mir gedacht. Beim nächsten Einkauf laufe ich einfach mal zu so einem Parkplatz hin und stelle mich ganz frech darauf. Dann stehe ich auf einem Behindertenparkplatz. Ohne Parkerleichterungserlaubnis. Natürlich auch ohne Auto. Weil ich doch im Moment nicht fahren kann. Also entschied ich mich wider einen Gegenspruch. Äh ich meine gegen einen Widerspruch. Ich möchte nicht mit einem Beinamputierten gleichgestellt werden (bitte nicht falsch verstehen, das sind tatsächlich die offiziellen Kriterien), sondern ich möchte jeden Tag ein Stückchen weiter laufen können. Meine Tochter hat mir angeboten, mir eine Tafel Schokolade zu schenken, sobald ich sie am S-Bahnhof wieder zu Fuß abholen kann. Wenn das kein Ansporn ist! Nach dem Tag der Erstverschlimmerung und meiner festgelegten und unwiderruflichen Entscheidung auf diesen rechthaberischen Widerspruch zu verzichten, fiel mir das Gehen, wen wundert’s, deutlich leichter. Die Füße schleiften nicht mehr bei jedem Schritt am Boden und erst nach hundert Metern musste ich eine Pause einlegen. Und somit habe ich die Kriterien für eine Parkerleichterung nicht mehr erfüllt. Das Amt hat also Recht. Als ich von meinem Spaziergang wieder zurück kam, habe ich zu mir gesagt: „Super, Eva! Weiter so. Das hat doch schon prima geklappt.“ Das ist meine neue Strategie. Mir ist es nämlich oft so gegangen, dass ich nur gesehen habe, wie wenig Distanz ich sehr beschwerlich nur mehr zurücklegen konnte. Damit ist jetzt Schluss. Ich sage jetzt nur noch etwas Nettes zu mir. Und an diesem Plan halte ich fest. Das ist sozusagen mein guter Vorsatz für das neue Jahr. Mit dem Rauchen muss ich ja nicht mehr aufhören, das ist schon lange erledigt. Jeder Tag ist eine Gelegenheit das Gehen zu trainieren. Und jeden Tag wird es ein bisschen besser.

Adventskalender

Diesen Adventskalender habe ich von meiner Tochter geschenkt bekommen. Süß, gelle.

Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit und würde mich freuen, wenn du öfter hier vorbeischaust. Doch heute ist ein herrlicher Tag, die Sonne scheint und der Wind weht. Also, nichts wie raus. Ich wünsche dir Zeit um dir ein paar Sonnenstrahlen einfangen zu können.

PS: Und bevor ich es vergesse, muss ich mich aufrichtig entschuldigen. Ich bin natürlich nicht die Einzige, die altmodisch Weihnachtskarten mit der Post verschickt. Dieses Jahr habe ich noch keine einzige Karte zum Briefkasten getragen, habe dafür aber schon ganz viele bekommen. Wie sehr mich das freut! Vielen Dank.

Herzliche Grüße
Die Schmetterlingsdompteurin

Eva

 

 

 

By | 2017-03-08T22:34:50+00:00 Dezember 19th, 2014|Meine Geschichten|1 Kommentar

Ein Kommentar

  1. Michael 9. Januar 2015 um 9:49 Uhr- Antworten

    Liebe Eva, Deine neue Strategie gefällt mir 🙂 Es ist wie es ist. Und je weniger wir mit dem was ist im Widerstand sind, um so leichter wird es. Dein Blog, Deine Erzählungen gefallen mir und geben sicher auch anderen betroffenen Menschen Mut, mit Ihrem Schicksal ein bisschen besser klarzukommen.

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