Auch eine Schmetterlingsdompteurin hat einmal einen schlechten Tag.

Hallo Du,

wenn du dir deine gute Laune nicht verderben lassen willst, dann lies diesen Blog heute nicht. Es ist ein scheußlicher Tag. Ich habe Kribbeln in meinem Bauch und in meinem Herzen. Nach meinem Unfall am Montag verordnete mir der Orthopäde einen Rollstuhl. Da ich in der letzten Zeit immer mit Stock oder Rollator gelaufen bin, kann ich im Moment nicht mehr spazieren gehen. Wie du weißt schaut meine starke Schulter leicht geknickt drein. Ich habe dir gestern erzählt, dass ich Linkshänderin bin und mit dem Stock in der rechten Hand wäre das einfach zu gefährlich. Wie schnell kann ich draußen über einen kleinen Stein oder nur eine Unebenheit auf dem Gehweg stolpern. Also warte ich auf einen Rollstuhl. Heute soll er geliefert werden. Zwischen elf und eins wurde mir gesagt. Letzte Nacht habe ich kaum ein Auge zugemacht. Ich hatte fürchterliche Schmerzen. Sie fühlten sich so an als würde mir jemand mit einer langen Nadel in meinen gebrochenen Arm stechen. Dementsprechend müde bin ich heute und angesichts der Tatsache, dass ich die nächsten sechs bis acht Wochen einen fahrbaren Untersatz benutzen soll, ist meine Laune eher miserabel.

Einsamkeit

Was mache ich eigentlich den ganzen Tag mit diesem Rollstuhl? Ach ja, das ist doch klar, ich rolle natürlich spazieren. Aber nicht zu weit weg fahren hat meine Mama gesagt. Nein, keine Sorge. Ich fahre nur ein bisschen im Kreis. Oder wie viele Hände braucht man um geradeaus zu steuern? Bleibt mir wohl nichts anderes übrig als brav auf das Wochenende zu warten bis mein Mann mich nach draußen schiebt.
Du findest meinen Anflug von Selbstmitleid fehl am Platz? Du bist der Meinung, dass es viele Menschen gibt denen es deutlich schlechter geht als mir und dass Jammern überhaupt nichts bringt? Weißt du was? Das ist mir egal! Und heute ist ein Tag an dem ich nur grau und traurig denken will. Auch wenn es richtig ist, dass zu viele schlechte Gedanken die Sache nicht besser machen und dass es immer Menschen gibt denen es schlechter geht. Aber ein bisschen Selbstmitleid muss auch mal drin sein.

Liebe

Zum Glück habe ich den fürsorglichsten Ehemann der Welt, der alles dafür tut damit mich zumindest kein Fremder morgens unter der Dusche nackt sieht. Soll Ich dir kurz erzählen wie ein Tag in meinem Leben seit dem Unfall aussieht? Morgens nach dem Aufstehen muss ich warten bis mein Mann mit mir zusammen die Treppe hinunter geht. Der Tee steht schon auf dem Tisch und wartet auf mich. Das Frühstück bereitet er dann zu, während ich schon mal die erste Tasse schlürfen darf. Parallel hilft er den Kindern pünktlich den S-Bahnhof zu erreichen. Er steckt ihnen das Pausenbrot liebevoll in die Tasche und bringt sie anschließend zur Tür oder zum Bahnhof. Beim Verabschieden höre ich dieselben Worte, die ich bisher zu meinen Kindern gesagt habe, wenn sie das Haus verlassen haben. „Hast du alles eingepackt? Zieh bitte eine Mütze an, es ist kalt draußen. Pass gut auf dich auf. Ich hab dich lieb.“ Und dann schließt die Tür. Nachdem ich brav den leckeren Obstsalat aufgegessen habe, bringt er mich wieder ein Stockwerk höher wo er mich auszieht um, nein nicht was du denkst, doch nicht mit einer gebrochenen Schulter! Um mich zu waschen. Nach dem duschen und anziehen werden anschließend die Haare geföhnt. So, und jetzt geht es wieder ein Etage tiefer in der ich so lange verweile bis alle wieder nachhause gekommen sind. Und bis dahin gibt es viel zu erleben. Lesen, schreiben, telefonieren, Musik hören, DVD schauen. Alles kein Problem. Nur im Moment habe ich keine Lust auf irgendetwas. Und ohne dieser intelligenten Spracheingabe am Computer fiele es mir sehr schwer mit der Welt die spannendsten Momente aus meinem Leben zu teilen. Dann würde ja überhaupt niemand mitbekommen, dass ich heute absolut schlecht drauf bin! Morgen sieht es bestimmt schon wieder anders aus. Aber heute erlaube ich mir schlechte Laune, Selbstmitleid und Trübsal zu blasen. Ach, mittlerweile ist der Rollstuhl übrigens gebracht worden. Tolles Kassenmodell. Super schick. Leider habe ich vergessen ein Foto von ihm zu machen, um es dir zeigen zu können, bevor er in den Keller gebracht wurde. Er soll nicht das Erste sein was meine Kinder heute sehen, wenn sie aus der Schule kommen.

Trinkbrunnen für Rollstuhlfahrer

So, und Morgen erzähle ich dir vielleicht warum die Nachbarschaftshilfe mir keine Unterstützung zusagen konnte, die Krankenkasse immer noch keine Haushaltshilfe genehmigt hat und sonst auch niemand helfen kann, weil er entweder zu weit weg wohnt, selber Kinder hat oder viel zu viel arbeitet. Glücklich, wenn man so einen Mann, wie ich ihn geheiratet habe, hat. Jetzt wäre ihm nur noch zu wünschen, dass er irgendwann noch beweisen kann, dass er auch in guten Zeiten zu mir hält.

Ich wünsche dir einen gesunden und fröhlichen Herbsttag und freue mich auf das nächste Mal mit dir hier in meinem Blog. Aber bevor du gehst habe ich noch ein Gedicht für dich. Das hatte ich geschrieben, als mich vor vier Jahren ein schlimmer Schub heimgesucht hatte. Damit gebe ich dir einen weiteren kleinen Einblick in mein Buch und darüber hinaus passt es ganz gut zu meiner heutigen Stimmung.

Herzliche Grüße
Die Schmetterlingsdompteurin

Eva

Hoffnungsschimmer

Hoffnungsschimmer

Hoffnung wo krieg ich dich nur her,
in meinem Herzen scheint alles leer.
Auf meiner Stirn die Sorgenfalten,
sie regieren und verwalten.
Sie beherrschen Freud und Leid.
Engelchen und Teufelchen haben Streit.
Engelchen ist leis und sacht,
denn Teufelchen ist an der Macht.
Er drückt mit Kraft die Augenlider,
die gute Laune einfach nieder.
So lange bis das letzte Stück
der Hoffnung weggedrückt.

Und ehe ich mich wehren kann,
ist auch dieser Tag vertan.
Keinen Spaß gehabt, kein Wort zu nichts und niemand.
Ich starre schweigend an die Wand und sehe
wie das Engelchen verschwand.
Jetzt gibt es nur noch einen
der das traurig sein und weinen
stoppen kann.
Schau an,
das bin ich, ich kämpfe weiter
gegen teuflisch miese Sorgenfaltenreiter.
Und wie durch Zauberhand
Sagt mir leise mein Verstand.
Du darfst eines niemals nicht aufgeben.
Es ist die Hoffnung, die du brauchst zum Leben.

Und im selben Augenblick,
reißt der Himmel auf, ein kleines Stück.
Ich kneif die Augen zu,
schließlich wollte ich heute meine Ruh.
Doch die Sonne flüstert in mein Zimmer.
Hey du, ich bin dein kleiner Hoffnungsschimmer.
Nimm mich und halt mich fest.
Und der Rest?
Warm ist er, der Sonnenschein.
Der Rest, er kommt von ganz allein.
Wirst sehen,
wirst stehen,
wirst gehen.
Und mit ein bisschen Glück
kommt mein Engelchen zu mir zurück.

 

 

By | 2017-03-08T22:34:53+00:00 November 28th, 2014|Gedichte, Meine Geschichten|0 Kommentare

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